wanderlust = n, [won-der-luhst], a strong innate desire to rove or travel about

26.12.2013

Der Kunsthistoriker und seine Entdeckungsreisen

Hans-Peter Wipplinger und die Kunsthalle Krems


Andy Warhol, Untitled, 1953
Sammlung Klüser, München
© 2013 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Bildrecht, Wien
Foto: Mario Gastinger

Seit 5 Jahren bestimmt Hans-Peter Wipplinger als Direktor der Kunsthalle Krems das Kulturgeschehen der Stadt mit. Meiner Meinung nach hat er das Gesicht der mittelalterlichen Stadt aktualisiert und auf den neuesten Stand gebracht. Mit Ausstellungen wie Yoko Ono Half-A-Wind-Show. Eine Retrospektive spricht das Museum - aufgrund des großen Bekanntheitsgrades - einerseits eine breite Bevölkerungsschicht an, andererseits zeigt Hans-Peter Wipplinger eine große zeitgenössische Künstlerin zum ersten Mal in einer Retrospektive in Österreich. 


Auch in der österreichischen Kunst nimmt das Team rund um Hans-Peter Wipplinger immense Forschungsarbeit in Kauf, besser gesagt: die Leidenschaft etwas Neues zu entdecken, Archive zu durchforsten: "wenn wir uns solche Ausstellungen vornehmen, dann graben wir uns durch jede Mappe und stoßen auf Dinge, die noch niemand gesehen hat." Im Bezug auf das nächste Ausstellungsjahr 2014, in dem Martha Jungwirth und Dominik Steiger jeweils eine große Personale gewidmet wird, haben Wipplinger und sein Team genau das gemacht: gesichtet, gegraben, geforscht, archiviert, geschrieben, gedacht.
Mit dieser Passion Neues zu entdecken, denke ich ganz unwillkürlich an jemanden, der aufs Feld hinaus geht und forscht.


"Die große Aufgabe der Kunsthalle Krems ist es, nicht die ewig ausgetretenen Pfade wieder zu beschreiten, sondern Lücken internationalen wie österreichischen Kunstgeschichte zu erforschen und neue Aspekte ans Tageslicht zu bringen, denn wir haben neben dem Bildungsauftrag einen Forschungsauftrag ."  


"Keine Frage des Ortes"


Bei meiner Frage nach dem Standort Krems, hat Hans-Peter Wipplinger keine 30 Sekunden überlegt. Nein, Bedenken oder gar Ängste hatte er keine als er sich vor 5 Jahren entschloss in die Kleinstadt Krems zu kommen, um ein Ausstellungshaus mit internationalem Namen zu etablieren. In der heutigen Zeit, meint er, sei es keine Frage des Ortes mehr. Er sieht im regionalen Standtort sogar einen großen Vorteil der Großstadt gegenüber: "man sticht in der Region mit international anspruchsvollen Ausstellungen heraus" und Journalist_innen sowie kunstaffine Besucher_innen setzen sich in die Bahn oder ins Auto, um - etwa aus Wien kommend - in 50 Minuten in Krems zu sein.

Mit internationalen und epochenübergreifenden Ausstellungen sowie dem Fokus auf österreichische Kunst gibt Hans-Peter Wipplinger auch uns Kremser_innen genug Grund endlich den kurzen (Fuß)-Weg in die Kunsthalle anzutreten. Sonst müsste ich doch ins Guggenheim nach Bilbao - der nächste Stopp der Ausstellung -  fliegen um die Retrospektive von Yoko Ono zu sehen. Und das käme bei weitem teurer als ein Ticket in Krems zu lösen.

"Die Kunstgeschichte muss immer neu gelesen werden, immer neu betrachtet werden."


Die Eckpfeiler einer zeitgenössischen Institution 


Dominik Steiger
Letterfälle PEINTRE, 1996
© Dominik Steiger, 2013

In der Kunsthalle zählt Hans-Peter Wipplinger neben dem Forschungs- und Bildungsauftrag 4 wichtige Eckpfeiler zu seiner Strategie :
1. Epochenüberschreitende Ausstellungen: "Denn ich möchte nicht nur Fragmente der Kunstgeschichte präsentieren, sondern Entwicklungslinien aufzeigen, wie zum Beispiel heuer die Schau "Große Gefühle", vor drei Jahren, "Lebenslust und Totentanz", oder nächstes Jahr das Projekt mit der Zeichnung. Es geht also um die inhaltliche Vernetzung von Altem und Neuem, wobei wir stets den Brückenschlag in die zeitgenössische Kunst suchen."

2. Retrospektiven internationaler Postionen - wie Francis Picabia, Paula Modersohn-Becker oder noch bis Februar 2014, Yoko Ono  - die in Österreich noch nicht gezeigt wurden.
3. Monographien, bedeutender österreichischer Künstler_innen - von Padhi Frieberger, Franz Graf, Anna Jermoleva oder Kiki Kogelnik bis hin zu Martha Jungwirth oder Dominik Steiger. Hans-Peter Wipplinger legt Wert darauf,  Positionen  zu zeigen, die bisher im Abseits standen oder übersehen wurden und mit Personalen neu- bzw. wiederentdeckt werden.
4. Junge, zeitgenössische Positionen präsentieren
"Wir haben uns hier ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet, weil es sonst anscheinend kaum jemand macht. Warum machen das die Institutionen nicht?, frage ich mich selbst auch immer wieder. Besucherzahlen sind da natürlich ausschlaggebend. Aber würden wir diese Aktionen nicht setzen, gäbe es heute viele etablierte Positionen nicht, die auch irgendwann angefangen haben, ihr Werk zur Diskussion zu stellen. Neuland zu beschreiten mache ich aus einer Haltung bzw. aus totaler Überzeugung heraus. Es ist darüber hinaus viel spannender und herausfordernder, als die 20. Ausstellung von des/der Künstlers/in xy zu machen."


"Es geht mir nicht um ein Geschlecht, sondern um gute Kunst"

Die hohe Dichte von österreichischen und internationalen Künstlerinnen im Ausstellungsprogramm bietet sich, laut Hans-Peter Wipplinger, einfach an. Er prognostiziert, dass in der Zukunft noch einiges an Entdeckungen von Künstlerinnen gemacht werden. Erklärt hat er sich die hohe Frauendichte im Programm der Kunsthalle aufgrund der generellen, Jahrzehntelangen Benachteiligung von Künstlerinnen. Oft waren sie zwar schmückendes Beiwerk in den Künstlervereinigungen, aber die vorwiegend männlichen Institutionsleiter und Galeristen hatten sie selten bis nie präsentiert. Insofern gibt es einen unglaublichen Nachholbedarf von bedeutenden Künstlerinnen-Positionen nach 1945.

Krems & Hans-Peter Wipplinger?

"Wenn ich aus dem Büro heraus komme - was selten genug der Fall ist - dann ist der Anlass meist, dass ich internationale Gäste wie Künstler_innen oder Sammler_innen herumführe und ihnen Krems und die Region zeige. Viel zu selten leider, besuche ich Gasthäuser oder Heurige. Das Leben, egal wo ich wohnen würde, ist besetzt mit Dingen, die mich arbeitstechnisch beschäftigen und erfüllen. Ich bin sehr dankbar, dass ich in diesem Bereich tätig sein kann."
Krems ist für ihn also ein Ort, in dem er Menschen und Künstler_innen begegnet, ein Netzwerk wie zum Beispiel "Art in our City" initiiert, ein Format der Begegnung mit jüngeren Menschen, die sich für Kunst interessieren. Die Plattform der Vernetzung findet am 18. Februar um 19.00 Uhr das nächste Mal statt.


3 Wünsche fürs kommende Jahr

"Wie Sloterdijk so schön sagte: "Kapital synchronisiert die Welt" - das stimmt, denn wenn das Budget nicht vorhanden wäre, könnten wir unsere Visionen nicht umsetzen. Ein Wunsch zur Weihnachtszeit wäre, dass die gegenwärtige budgetäre Situation so erhalten bleibt und sich die Kulturpolitik weiterhin für kulturelle Aktivitäten engagiert.

Das ist eine gute Basis, denn für alles andere ist man selbst verantwortlich.

Ich wünsche mir, dass die anvisierten Projekte und Konzepte so aufgehen, wie sie jetzt noch im Kopf oder auf Hängeplänen markiert sind, dass die Leihgaben zugesagt werden, die wir uns wünschen.


Hinsichtlich Krems wünsche ich mir, dass wir es zunehmend schaffen den Kremsern und Kremserinnen klar zu machen, dass das Gute so nahe liegt und wir einzigartige Ausstellungsprojekte machen, für die man ansonsten weit reisen müsste. Mein Wunsch an die regionale Bevölkerung wäre, die Neugierig zu sein und sich auf die spannenden Ausstellungserlebnisse einzulassen."


Das anregende Gespräch hat mir viele, neue Einblicke in die Kunsthalle gegeben und ich trage die Wünsche weiter, sodass sie 2014 in Erfüllung gehen. Es gibt noch viel zu entdecken und ich freue mich auf die kommenden Ausstellungen!




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