wanderlust = n, [won-der-luhst], a strong innate desire to rove or travel about

08.02.2014

Die Gozzoburg

Hoch droben über der Stadt


Geschichtenerzähler

Zeit wird’s für ein bisschen Geschichte. Dass die Stadt Krems so viele spannende Geschichten birgt, glaubt jemand wie ich kaum. Jahrelang besuchte ich die Schule am geschichtsträchtigen Ort des Hohen Marktes. Aber interessiert haben mich die Geschichten rund um mein jugendliches Alter Ego nicht. Geärgert habe ich mich über das Kopfsteinpflaster – im Winter, sehr rutschig – und gewütet über die verwinkelten Gässchen – beim Autofahren Lernen. Jetzt kann ich mich kaum retten davor, endlich mehr über „meine“ Stadt und ihre Hintergründe zu erfahren.
© diekremserin

Der hohe Markt zählt zu den ältesten Arealen der Stadt. Der Brunnen thront fast ehrwürdig in der Mitte. Steil bergauf führt die holprige Straße zu den Piaristen, dem großen Gymnasium. Ihm gegenüber der Widerpart, die Mary Ward Schule, die am Außenmäuerchen ihrer mittelalterlichen Gartenanlage einen herrlichen Blick über die Stadt erhaschen lässt. Das ehemalige Kirchenviertel entpuppt sich heute als eine der Schulhochburgen. Im etwas südlicher liegendem Gasthaus Jell duftet es verdächtig nach Schweinsbraten – zugegeben, ich selbst hatte noch nie die Ehre, das könnte sich aber bald ändern. Wenn man sich weiter hinab treiben lässt und auf die linke, eher gefährlichere – weil kein Gehsteig – Seite wechselt, entdeckt man sehr bald den Zugang zum ehemaligen Burgviertel.

Ein weiteres Schmankerl am Hohen Markt stellt die grandios restaurierte, mittelalterliche Gozzoburg da. Die "Burg" aus dem 13. Jahrhundert gibt auch heute noch viele Rätsel auf, die nach und nach gelüftet oder im Dunkeln bleiben (müssen). Die Geschichte rund um die Übernahme der "Burg" könnte zum Beispiel so verlaufen sein: Ein Kremser Bürger und Stadtrichter namens Gozzo entschied sich für den Umzug in ein modernes Arbeits- und Wohnpalais mitten in der Stadt Krems. Er kannte die alte Bausubstanz, die den Kernbau seines zukünftigen Palais ausmachen wird. In den 1250er Jahren gab Gozzo einen Saalbau mit einer ebenerdigen Pfeilerloggia in Auftrag - inklusive Gerichtssaal im Obergeschoss und natürlich einer Kapelle. Seine Wohnung befand sich westlich davon, mit Rauchküche und Latrine. Die alten Burgen entsprachen weder seinem Stil noch waren sie auf dem neuesten, (technischen) Stand, und wahrscheinlich relativ ungemütlich. Gozzo entschied sich für einen prominenten (Um-)Bauplatz: der kurze Weg in die neue Stadt, zum
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täglichen Markt sprach für sich und die Distanz in die älteren Viertel war verschwindend gering (vielleicht hat er sich über den winterlichen Aufstieg genauso geärgert wie ich vor ein paar Jahren). Elegant, Loggia-artig mutet die Fassade der Burg italienisch an. Gozzo träumte bestimmt vom Süden, wollte draußen sitzen und unter den Säulen wandeln. Zugegeben, besonders viel Platz gibt die Loggia nicht, aber sie ist überdacht und somit Witterungsfest.
Gozzo baute unermüdlich weiter, ein Bastler sozusagen, der die alte Substanz revitalisierte. Seine Motivation begrenzte sich nicht nur auf den Umbau seines Privathauses, er strebte ein höheres Amt an und der Landesfürst ernannte ihn zu einem der wichtigsten Gefolgsmänner. Mit der Katharinenkapelle vervollständigte Gozzo seine Bautätigkeit.

© diekremserin
Einen besseren Ort als die historische Stätte "Gozzoburg" hätten das Bundesdenkmalamt Niederösterreich nicht finden können. 2006/2007  entdeckten die Kunsthistorikerinnen und Restauratorinnen neue Schichten an Freskomalerei, die Geschichten erzählen. Unglaublich, dass mitten in Krems der einzig geschlossene Freskenzyklus des 13. Jahrhunderts freigelegt wurde (in Deutschland, Thüringen einen weiteren, den Iweinfreskenzyklus)

Unsere alten Mauern entpuppen sich als echte Geschichtenerzählerinnen...

Ab 8. April öffnet die Gozzoburg für vorangemeldete Interessierte ihre Tore: 02732 801 567
Immer wieder (ich informiere über meinen Newsletter) bietet Robert Mayr als "Ritter Bertl" seine Abenteuerführung in der Gozzoburg an.

Kommentare:

  1. Sehr interessant! das letzte Mal war sie leider geschlossen, aber bei meinen nächsten Besuch im Krems steht das fix am Plan :-)

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  2. Bestimmt - das nächste Mal gehen wir einfach gemeinsam hin ;-)

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