wanderlust = n, [won-der-luhst], a strong innate desire to rove or travel about

27.05.2014

Zeichnen was das Zeug hält

Zeit zeichnen

Kunstgeschichte, die Freude bereitet


Andy Warhol, Untitled 1953
Sammlung Klüser, München
© 2014 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.
Bildrecht, Wien
Foto: Mario Gastinger
Wer so wie ich als Kunstvermittlerin in der Kunsthalle Krems tätig ist, hat es bei der momentanen Ausstellung „Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol. Die Sammlung Klüser“ nicht ganz einfach gehabt. Lernen, wer wann gelebt hat. Lernen, wer welches Material benutzt. Lernen, wo die 260 Grafiken ihren Platz in den Hallen der Kunst gefunden haben.

Dass der Spaß allerdings beginnt, wenn ich nun mit einer kleinen Gruppe von Menschen durch die Ausstellung spaziere, erklärt sich durch das kollektive Wissen, das sich sammelt, während wir gemeinsam auf bestimmte Werke schauen. Viele Augenpaare sehen nämlich viel mehr als nur meine eigenen. Ob wir da vor Taddeo Zuccaros „Satyr“ stehen und seine „Horrorhand“ analysieren oder uns in den italienischen Landschaften des 17. Jahrhunderts verlieren. Im Vordergrund steht der Dialog miteinander und mit den Bildern, die aus der Sammlung des Ehepaars Klüser als Leihgabe auf uns treffen.

Wieso eigentlich „Zurück in die Zukunft“?

Nach meiner kleinen Erläuterung scheint die Sammlung einen chronologischen Faden zu haben. So stimmt das allerdings nicht ganz. Denn die Klüsers, die durch ihre Galerie in München Künstler wie Joseph Beuys, Enzo Cucchi und Andy Warhol kennen lernten, begannen sie nach und nach zeichnerische Ergüsse jener Persönlichkeiten anzukaufen. Im Grunde liegt der Kern der Sammlung in der zeitgenössischen Kunst. Vor etwa 20 Jahren entschlossen sich Bernd und Verena
Taddeo Zuccaro, Satyr, 16. Jhdt.
© Sammlung Klüser, München, 2014
Foto: Mario Gastinger
Klüser dann sich progressiven Blättern aus vergangenen Zeiten zu widmen. Alte Meister der italienischen Renaissance und des Barocks, niederländische Landschaftsmaler, deutsche Romantiker, französische Experimentalisten: die Liste ist lang und stark durchmischt. Auf große Namen legen die Privatsammler keinen Wert. Wichtig erscheinen ihnen Unmittelbarkeit und Spontanität, die auf dem Blatt durch den jeweiligen Künstler zusammentreffen.

In der Kunsthalle wird uns die Möglichkeit eröffnet jenen Künstlern aus vergangener Zeit und Gegenwart über die Schulter zu blicken und ihre Eindrücke wahrzunehmen und zu beobachten. Wo ergeben sich Parallelen? Wann erscheint uns ein Künstler mit seiner Arbeit besonders modern? Ich habe bemerkt, wenn wir nicht nur miteinander, sondern auch mit einigen ausgewählten Arbeiten in Dialog treten, eröffnen sich neue Sichtweisen auf eine Kunst- und Zeitgeschichte sowie grandiose Ansätze zum experimentellen Arbeiten.

Im Folgenden stelle ich drei Werke der Ausstellung vor, die mich in der letzten Zeit besonders berührt haben:

1) Zwischen Wissenschaft und Poesie: Jorinde Voigt eröffnete mir mit ihrem einzigartigen Zugang zur Kunst eine wunderbare Möglichkeit neu zu denken. Geschafft hat die 1977 geborene Deutsche das durch ihre eigens „komponierten“ Notationen. Was sehen wir auf den Grafiken von Jorinde Voigt? Gezeichnete Bänder aus Pfeilchen in Rot, schwarze Flügel und Schwünge, die Ziffern und Buchstaben verbinden. Eine illusionierte Partitur aus Noten, die wir nicht zuordnen können? Im Grunde, notiert Jorinde Voigt Beobachtungen des Alltags, die sie akribisch in ihre Sprache übersetzt. Reine Poesie, wenn ihr mich fragt.

2) Kugelschreiber en masse: Jan Fabres riesige Arbeit beinhaltet vorwiegend blaue Kugelschreiber-Tinte. Strich um Strich setzt der belgische Künstler gewollt und füllt in vielen Stunden Arbeit die ganze Fläche mit dem Alltagsgegenstand. Auf dem Boden kriechend, arbeitet Fabre die richtige Struktur heraus und vermittelt uns somit ein schraffiertes Feld von Blau. In der Mitte hocken zwei Blatt-Insekten: zumindest ihre Häute. Als Betrachter dringen wir in einen Mikrokosmos ein, der gleichzeitig ein Makrokosmos zu sein scheint. Ich könnte mich stundenlang damit beschäftigen und mich wundern.

3) Eine Frau mit Männernamen: George Sand entwickelt im französischen 19. Jahrhundert die Klecksographie. Erfolgreich als Literatin nimmt sie nicht selten den Pinsel in die Hand und experimentiert mit den unterschiedlichsten Möglichkeiten, die sich in der Malerei auftun. Winzige Blätter zieren den „blauen“ Raum in der Kunsthalle und zeigen dennoch genau, was George Sand als eine der ersten Künstlerinnen versucht: sie überlässt die Ausbreitung der Farbe auf dem Blatt dem Zufall. Wo ein Fleck, da ein Bild. L’Art pour l’art pour l’art...


Genug von der Theorie? Auf in die Praxis!

Bis 29. Juni ist der Besuch der Ausstellung noch möglich, bevor für die nächste Ausstellung aufgebaut wird.

Lust auf eine Führung bekommen? Jeden Sonn- und Feiertag um 14.00 Uhr findet eine Überblicksführung statt. Für zusätzliche Infos zur Kunstvermittlung bitte hier klicken.

Robert Longo, Strong in Love, 1983
© Sammlung Klüser, München, 2014


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