wanderlust = n, [won-der-luhst], a strong innate desire to rove or travel about

07.05.2014

Unter der Stadt

Im Jazzkeller

wo seit Jahrzehnten Musik pulsiert


© diekremserin
Der Jazzkeller ist ein Gemeinschaftsprojekt. Mit einem Augenzwinkern wirft Thomas ein: "Manchmal arbeiten wir auch gegeneinander."

Ich sitze also im Jazzkeller, im Hintergrund donnert der Soundcheck für das heutige Konzert und ich fühle mich in der Zeit zurück versetzt. Dorthin, als ich in Krems zur Schule ging und abends den kommerziellen Bars und Clubs entgehen wollte. Im Jazzkeller, der seit 1969 existiert, wird sehr oft Musik gespielt, die keine Menschenmassen anziehen, sondern jene die alternative Underground-Musik schätzen. Thomas, Berti und eigentlich auch Markus, der sich allerdings nach einem kurzen Hallo hinters Mischpult verzieht, vertreten die inhomogene Gruppe des Vereins für das Interview.


"Es ist immer 5 Uhr Früh"


Wie fasst ihr den Jazzkeller für euch in einem kurzen Satz zusammen?

Berti: Grundsätzlich geht es uns darum eine Alternative zu sein. Nachdem das Avalon (heute Weekend Club) nicht mehr existiert, gibt es in Krems keine Plattform für Konzerte mehr.

Thomas: Der Jazzkeller soll in der Form, wie wir ihn jetzt betreiben hauptsächlich als Plattform für Subkultur und alternative Musik dienen.

Ist das donaufestival für euch als Kooperationspartner interessant? Immerhin bringt das Festival experimentelle Musik, Performance-Kunst und ja, eben Subkultur nach Krems...

Thomas: Wir würden gerne und die würden auch gerne. Aber dadurch das wir momentan nur als Vereinslokal arbeiten können, wäre es problematisch große öffentliche Veranstaltungen zu hosten.

Berti: Es gab eine Kooperation!

Thomas: Stimmt, über zwei oder drei Jahre hinweg fanden Konzerte des donaufestival auch im Jazzkeller statt. Seither veranstalten wir unsere eigene AfterShowParty, unabhängig vom Festival. Die offizielle Zusammenarbeit ist aufgrund verwaltungsrechtlicher Bedenken fürs erste nicht mehr möglich.

Berti: Streitigkeiten und Unklarheiten machen uns momentan das Leben schwer: dadurch dass wir gesetzlich gesehen in einem Vereinslokal sitzen, muss jeder/jede die herein kommt Mitglied werden. Wir dürfen keine Eintritte für die Veranstaltungen einheben, sondern beschränken uns momentan auf einen Mitgliedsbeitrag. Deshalb können wir auch keine großen Acts buchen, wo wir dann 10€ Eintritt verlangen. Wir versuchen momentan uns Alternativen zu überlegen...

Wollt ihr den Jazzkeller nicht als offizielles Lokal umgestalten? 

Thomas: Daran haben wir natürlich gedacht, allerdings gibt es grundlegende räumliche Probleme. Eine Umgestaltung in ein reguläres Lokal wäre finanziell gesehen ein ziemliches Abenteuer für das man vorher intensive Überzeugungsarbeit leisten müsste. In der momentanen Situation in der wir unsere Energien ohnehin schon in eine laufende Auseinandersetzung mit einer Anrainerin stecken müssen und unsere Zukunft auch ungewiss ist, steht ein solches Unternehmen nicht wirklich zur Diskussion.




Der Verein wurde 1968 gegründet, das Vereinslokal kam 1969 hinzu. Seitdem ist der Jazzkeller mehr oder weniger durchgängig in Betrieb.

Thomas: Ja, eigentlich ohne Pausen.

Berti: Stimmt. Da könnten wir uns auf den Arena-Paragraphen stützen... wir sind eine Institution!

Wisst ihr mit welchen Hintergedanken das Vereinslokal damals gegründet worden ist? 

Berti: Es war ein Jazzclub, oder?

Thomas: Im Kremser Stadtarchiv liegt eine wirklich sehr schöne Diplomarbeit auf, die über den Jazzkeller verfasst wurde. Mag. Klaus Bergmaier hat sie geschrieben. In den Gründungszeiten einige junge, jazzbegeisterte Menschen in Krems waren, die nach einer Location gesucht haben und vom damaligen Bürgermeister bzw. der Stadt wurde dieser Keller zur Verfügung gestellt. Es liest sich nach heutigen Maßstäben fast skurril, denn da ging's vorwiegend um Swing und New Orleans Jazz, gar nicht um sehr experimentelle Musik, aber das wurde scheinbar als so progressiv gesehen, dass manche KremserInnen sich aufgeregt haben, dass so etwas "Arges" in der Stadt stattfindet. Der Verein holte dann durchaus ziemliche Größen, auch aus den USA, nach Krems. Irgendwie habe ich auch im Kopf, dass der Jazzkeller zu den ältesten Jazzlokalen in Mitteleuropa gehört. Zwar ist die Location gerade kein reiner Jazz-Spielort mehr, aber es ist dennoch in unserem Sinne den damals mit Jazz verbundenen fortschrittlichen Geist mit anderen, zeitgenössischen Mitteln in die Jetztzeit zu überführen.

Berti: Wobei, seit Markus im Verein tätig ist, versuchen wir wieder mehr Jazz in den Keller zu holen - alle drei Wochen findet eine Jam Session statt, zu denen er meist Jazz-Bands einlädt.

Thomas: Die Jam Sessions sind stilistisch allerdings komplett offen. Aber durch Markus kam eine große Gruppe an jazzbegeisterten Menschen wieder hier her.

Die Leute, die sich engagieren haben also sowohl bei den Jam Sessions - also den Konzert-ähnlichen Events - als auch beim Styleclash - als DJ für eine halbe Stunde auflegen - jeglichen Freiraum?

Thomas: Jeder und jede, der/die in der Lage ist, sich an gesetzliche, technische und physikalische Grenzen zu halten, ist herzlich eingeladen. Stil- oder Geschmacksfragen spielen an diesen Abenden weniger eine Rolle. Das führt dann schon zu lustigen Kombinationen, aber ich mag diesen Moment von Clash und Reibung.

Ihr nehmt euch eure Aufgaben so wie sie euch Spaß machen und passen. Markus ist also für Bookings bei euch zuständig?

Berti: Genau. Eine Zeit lang habe ich diese Aufgabe versucht zu erledigen, aber ich bin einerseits zu chaotisch, andererseits war ich frustriert, weil vieles nicht so funktioniert hat. Markus hat schon im Winter für das kommende Jahr einen Plan im Kopf und setzt ihn dann auch um. Wenn noch Wochenenden frei sind, dann schreibt er alle von uns an, ob wir Ideen für die zu füllenden Lücken haben. Ein anderes Projekt, neben den (fast) wöchentlichen Konzerten, ist Punk an der Donau, das Matthias organisiert. Das war früher eine gängige Veranstaltung im Keller. Wir versuchen jedes Genre abzudecken.


Thomas: Sobald jemand beginnt mitzuarbeiten hat er/sie natürlich auch verstärkt das Recht sich mit kreativer Betätigung einzubringen. Die Musik oder künstlerische Tätigkeit, der dann hier Platz eingeräumt wird sollte allerdings subkulturell relevant sein und - abgesehen von Einsteiger- und Anfängerspielwiesen wie Styleclash und JamSession - mit einer gewissen Kunstfertigkeit ausgeführt werden. Es soll aber prinzipiell jede/r dran kommen, der/die sonst nirgends unterkommt. Und da spricht auch nix dagegen zwischendurch auch mal zu scheitern und daraus für das nächste Mal zu lernen. Wir finden Professionalität natürlich großartig, aber wir legen Wert darauf, dass unser Tun informell genug bleibt, damit niemand abgeschreckt wird.

Hat sich seit das Avalon nicht mehr in Krems existiert, etwas für euch verändert?

Berti: Durch das Ende vom Avalon sind Matthias, Max und ich erst richtig in den Keller gekommen. Das Avalon Exil wurde geschlossen, also wurde der Jazzkeller unser neues Exil...

Thomas: Jetzt bin ich ein bisschen enttäuscht, Berti... (grinst)

Berti: Für mich war das schon eine Art Wendepunkt, immerhin gab es dann ja außer dem Jazzkeller kein Lokal mehr mit einer Konzertbühne. Es sind bestimmt auch einige Leute dann hier her gestoßen...



Ich habe mit einigen Menschen gesprochen, die quasi ihre Jugend hier verbracht haben. Heute Mittdreißiger, die mich fragen: was tut sich denn da, im Jazzkeller? Gibt's den noch? 

Berti: Ja, das haben wir erst vor kurzem entdeckt, als der Jazzkeller bei einem Konzert bumvoll war, der genau diese Zielgruppe angesprochen hat.

Thomas: Die haben das Konzert als Anstoß genommen nach 10, 15 Jahren wieder einmal hereinzuschauen und Leute zu treffen, die sie lange nicht gesehen haben. Das war ein großer Erfolg! Ich zum Beispiel war das erste Mal mit der Schule, mit dem BORG, hier. Wir haben uns ein Theaterstück angeschaut. Das war mein erster Kontakt mit dem Jazzkeller.

Der Jazzkeller ist eine fixe Größe in der Kremser Ausgehlandschaft. Seit dem Ende des Avalon Exil im Stadtgraben, die sich aufgrund einer fehlenden Location für alternative Musik an den Jazzkeller hielten. Mit dem Auftreten der Person Markus, der das Projekt Jazzkeller sehr ernst nimmt und viele Veranstaltungen für das Vereinslokal organisiert. Zu 'Markus, der Held' stilisieren ihn seine beiden Kollegen Thomas und Berti, als er in Abwesenheit glänzt um Mitgliedsbeiträge für das Konzert einzuheben, das später am Abend stattfindet. Die Jungs und Mädels, oder besser Männer und Frauen, die sich um den Verein kümmern, haben Spaß daran hier ehrenamtlich zu arbeiten, Krems ein alternatives Gesicht zu geben und selbst musikalisch Einfluss auf die Crowd zu haben.




Das volle Programm des Jazzkellers ist hier abrufbar.
Die Soundcloud des Jazzkellers zum Reinhören.

Vielen Dank an die inhomogene Crew des Jazzkellers für das spannende Interview. Die Musikvideos sind exemplarisch von der Crew ausgewählt worden und zeigen die Vielfalt der subkulturellen Musik, der sich der Jazzkeller annimmt. Interviewpartner waren Thomas, Markus und Berti, die ehrenamtlich im Jazzkeller arbeiten. 


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