wanderlust = n, [won-der-luhst], a strong innate desire to rove or travel about

20.10.2014

Mit Vertrauen zum Erfolg: Johannes Gutmann und Sonnentor

Bei Johannes Gutmann war ich mit zwei Freundinnen - Judith und Carina - auf Besuch und wir drei durften fragen, fragen, fragen und erhielten Antworten, die für mehrere Seiten Interview reichen. Dass es bei SONNENTOR in Sprögnitz doch auch ums Auto geht, hat mich verwundert und erstaunt, liegt aber auf der Hand. Und wie Johannes Gutmann den Mut aufgebracht hat, ein Unternehmen zu gründen, das aus Kräutern besteht, inspiriert und zeigt, dass es geht, wenn man es nur will. Immer wieder wurde das Interview durch freundliche Mitarbeiter, die Johannes Gutmann begrüßte unterbrochen, durch kurze Gespräche, die den weiteren Verlauf des Tages angerissen haben und durch unseren Kaffee und Tee, den wir serviert bekamen. Viel Spaß mit Teil 1 des Interviews !

Wie früh beginnt dein Tag?
Meine Tochter ist 4, somit darf sie den Tag bestimmen – es geht los um 7, halb 8.

Johannes Gutmann als Skulptur, mit roten Schuhen und roter Brille.
Johannes Gutmann als Skulptur, mit roten Schuhen und roter Brille. 


Du wohnst in Sprögnitz?
Ja genau, das ist sehr praktisch. Wenn ich schnell in der Firma sein will starte ich mit einem morgendlichen Sprint oder noch schneller, mit dem Elektroauto.

Das haben wir schon entdeckt! Seit wann sind die Elektrotankstellen installiert?
Vor zwei Jahren, mit der Möglichkeit, dass es überhaupt funktionelle Elektroautos am Markt gibt. Vorher war das „Ich will und ich kann nicht“ und jetzt haben die Autos eine mittlere Reichweite. Wir haben derzeit zwei Autos und wollten eindeutig bei den ersten dabei sein und das haben wir auch mühelos geschafft. (lacht) Wir haben glaube ich die erste Bestellung überhaupt für so einen Renault Tweezy abgegeben. Es passen zwei Leute rein, man darf auch auf der Autobahn damit fahren. Das hat uns zwar niemand geglaubt und ich würde es auch nie tun, weil die maximale Geschwindigkeit ist 85 km/h. Also, die würden mich alle niederfahren. Du fällst mit so einem Auto in die Sparte kurz vorm Traktor.

Judith: Aber das Auto ist doch offen oder?
Es gibt mittlerweile Fenster, die kann man sich dazu kaufen. Kostenfaktor 500 Euro. Diese Fenster haben wir natürlich, denn ich fahre auch im Winter. Sonst zieht’s etwas durch! Alle haben mir gesagt, dass ich damit nicht im Winter fahren kann. Wieso nicht? Im Prinzip geht man ja nicht halbnackt aus dem Haus wie im Sommer sondern du bist ja ziemlich gut angezogen (= waldviertlerisch: oboijasert). Es gibt im Auto keine Heizung und damit fehlt auch jeglicher zusätzlicher Komfort: aber wenn du gut aufgelegt bist, kannst singen oder pfeifen und wenn du nicht gut aufgelegt bist, dann kannst sinnieren. Eigentlich solltest du dich aber beim Autofahren auf den Verkehr konzentrieren und nichts anderes tun. Der größere Wagen ist ein Fahrzeug, das eine Reichweite von ca. 140 km hat – also ich schaffe so viel, andere schaffen es nicht über 90 km. Auch bei Elektrofahrzeugen ist es so, wiest aufs Gas steigst so bist du mit dem Tank wirtschaftlich. Wenn du natürlich voll durchtrittst immer und glaubst du versäumst etwas und musst schneller sein, dann ist 50% weniger im Tank. Ich komm nach St. Pölten und retour, wenn ich langsam fahre. Super. Ich fahre zur Bahn. Ich würde es nicht mehr zurück geben und gebe dem Elektroauto auch eine große Zukunftschance, nur die Leute in neue Richtungen zu bewegen: das dauert! Drei Generationen fahren jetzt mit den Dieselbrennern und Erdölvernichter und somit kann das nicht innerhalb von ein paar Jahren verändern, aber es beginnt!

Ist diese Entwicklung nicht auch beim Betrieb selbst zu sehen? Bei SONNENTOR... 1988 war der Start und seitdem habt ihr 150 Vertragsbauern und 150 Mitarbeiter (Bericht aus 2011), das wird sich bestimmt seit 2011 schon wieder verändert haben...
Wir haben schon 220 Mitarbeiter. Bei den Vertragsbauern sind wir relativ gleich geblieben, aber die bestehenden haben ausgebaut, denen das Konzept getaugt hat. Sie haben begonnen und geschaut ob auch wirtschaftlich ein Erfolg da war, dann haben sie mehr gemacht. So ist es auch passiert. Die bestehenden Bauern haben in der Fläche erweitert. Das freut uns am meisten, weil die Menschen, die sich auf neue Wege begeben – und Kräuteranbau ist etwas völlig neues – wenn in ihnen die Liebe wächst, ist das sehr schön anzuschauen. Jeder darf wachsen, wenn er will. Mein Standpunkt ist: du musst nicht, du darfst.

Woher kam die Liebe zu den Kräutern?
Die kam einerseits von der Familie her, das heißt ich bin auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen und habe dort in meiner Kindheit alles was wir selbst gebraucht haben gepflückt, Lindenblüten oder Holunderblüten zum Beispiel. Ich habe zusätzlich ein paar Eigenversuche gemacht, denn ich hab mir gedacht die Monate Mai und Juni können nicht alles sein. Es wächst schließlich immer etwas: wenn der Schnee weggeht wachsen die ersten Kräuter bis der Frost wiederkommt. Da wachsen immer Kräuter. Ich machte mich also zusätzlich auf die Suche, was wächst wann, was schmeckt wie: alles Selbstversuche. Ein bisschen habe ich in Büchern nachgelesen, weil ich Interesse daran hatte. Als ich gesehen habe was es alles gibt, habe ich staunend erfahren, dass so vieles nicht verwendet wird, sondern als Unkraut, als Klumpert, als unnütz und nicht wertvoll empfunden.

diekremserin und Mr. Sonnentor
diekremserin und Mr. Sonnentor

Momentan denken auch Spitzengastronomen um.
Wildsalate, Wiesenkräuter, Erlebnis in der Natur. Das ist was immer mehr kommt: Selbstversuche. Ich kann mich noch sehr gut erinnern als ich mich selbst auf die Suche machte. Das wird jetzt immer mehr nachempfunden und ich freue mich, dass ich da einen Trend mit bewirken durfte. Oder auch Blüten, das ganze Bunte mithinein, da war ich vor 26 Jahren gewerblich einer der ersten der gesagt hat: Kräutertee braucht nicht nur braun, grün und fad sein, sondern da können auch Rosenblüten, Kornblumen, Sonnenblumen drinnen sein. Sieht ja viel lebendiger und netter aus. Wie ein Blumenstrauss. Und in getrockneter Form ist es sogar ein Blumenstrauss im Winter. Schaut super aus.

Du warst bei der Gründung des Betriebs 23 Jahre. Wie geht’s dir da?
Mir ist es eigentlich immer sehr gut gegangen, sonst hätte ich es nicht gemacht. Wir müssen nicht, wir dürfen – das habe ich vorhin schon gesagt. Das einzige was ich muss ist aufs Häusl und ich muss sterben. Wenn man das einmal weiß, dass es um so einfache Dinge im Leben geht, dann hat man den ganzen Schmonzes, der einem scheinbar täglich aufgedrückt und aufgebürdet wird, schon einmal hinter sich gelassen. Oder das Handy, es hilft dir, aber wenn dich das Handy scheinbar übermannt und du hängst nur noch daran, dann bist selbst Schuld. Du darfst, du musst nicht. Deshalb habe ich mich selbstständig gemacht weil ich musste, ich bin davor von ein paar Betrieben raus geschmissen worden, wo ich keinen Spaß hatte und wusste, dass mir das keine Freude bereiten wird auf Dauer.
Der Spaß- und Freudefaktor ist von Anfang an dabei. Wenn ich etwas machen muss, dann mache ich es einmal, aber dann nicht mehr, weil ich genau weiß, dass mir das nicht taugt.

Judith: Was hast du vorher gemacht?
Pfah. Ich hab 1984 maturiert in der Handelsakademie Zwettl. Ich war einmal Buchhalter, ich war in der Fremdenverkehrsbranche, ich war Bierverkäufer, ich war...

Judith: Zwettler?
Judith, what else? Als Waldviertler. Is eh klor!
Auf jeden Fall habe ich verschiedenes probiert und gesehen, dass ist alles ein Schmarrn. Da wird Druck ausgeübt oder sonst irgendetwas, ich wollte das nicht. Ich bin immer von dem ausgegangen, wenn etwas gut gepflegt wird und Freude macht, dann wächst es und dann habe ich langfristig Freude daran. Das heißt es ERFOLGt etwas daraus und somit hat man Erfolg damit. Aber du musst zuerst eine Freude daran haben. Erfolg ist nichts anderes als die Summe der erfolgenden Reaktionen. Als erstes muss eine Aktion folgen: deshalb habe ich mich selbstständig gemacht, denn ich wollte von hier nicht weg. Ich will die Region nicht verlassen. Doch, eigentlich habe ich sehr schnell gemerkt, dass ich wegfahren muss um zuhause bleiben zu können. Du musst unbedingt über den Tellerrand schauen und schauen, was ist hinter dem nächsten Hügel, was ist hinter der nächsten Straße. Aber ziemlich schnell ist zu erkennen, dass es hier am schönsten ist im Waldviertel mit all unseren Möglichkeiten. Lebensqualität, Preis – Leistungs – Verhältnis. Wenn man im Waldviertel ein Haus kauft z.B. ein altes, wie dieses hier mit 8000m2 Grund und vier Jahre leerstehend – ich konnte nichts gutes erwarten – aber vor den Ruinen fürchten sich die meisten. Ich habe in meinem Leben schon 7 oder 8 Ruinen gekauft und sie immer wieder umgebaut und ausgebaut. Die sind immer gleich passiert. Ruinen werden nie von jemandem als wertig empfunden. Aber der Grund und Boden bleibt ja da. Es ist ja nur das alte Haus und das Klumpert das drauf liegt. Aber das kann ich ja wegräumen. Aber nein, die Leute geben viel lieber für etwas was wirklich Klumpert ist, Geld aus als für das was wirklich Wert hat. Das ist eine Weltanschauung. Für mich hat dieses Haus 35.000 Euro gekostet mit Grund und Boden. Die gleiche Fläche hätte in Zwettl 500.000 Euro gekostet, schon vor 22 Jahren. Das war mein eigentliches Gründungskapital.
Ich hab mit bei der Gründung gefragt: was ist der Unterschied zwischen der Wiese die da ist und der Wiese, die 15 km weiter weg ist und die gleiche Größe haben? Somit habe ich gewusst, wo ich mein Unternehmen hinsetze.

Die Strecke nach Krems ist ja von hier sogar besser zu erreichen.
Ja, es ist sogar näher von hier nach Krems. Es ist ganz egal. Heute sage ich: der Weg nach Prag ist mir genauso lieb wie der Weg nach Wien. Das ist ein riesengroßer Vorteil, v.a. durch die EU-Öffnung. Ich habe genau gewusst, dass Tschechien irgendwann einmal zur EU kommen wird. 1989 ist das plötzlich mit dem Wegfall der Grenzen offen geworden. Nur die Menschen haben noch immer die Grenze im Hirn... dafür kann ich nichts, das ist nicht mein Problem. Ich habe die Möglichkeiten gesehen. Deswegen bin ich auch 1992 nach Tschechien gegangen mit einer ersten Betriebsgründung, wo jeder zu mir gesagt hat, dass ich deppert bin. Es steht und fällt immer mit den Menschen, die du kennenlernst. Da habe ich auch einen arbeitslosen Studenten kennengelernt, der gefunden hat, dass das was ich mache gut ist und wollte sich – ohne Geld – beteiligen. Ich hab ihm geglaubt, dass er begeistert ist. Er studierte Pflanzenbau und somit habe ich mit ihm in Tschechien meine erste Auslandstochter gegründet, 1992.

Judith:Arg, das habe ich nicht gewusst, dass das schon so früh war.
Lucia: Na ich hab’s mir mit 1990 notiert gehabt,....
Ja, 1990 war der erste Besuch in Tschechien. Da hab ich nicht den Markt sondiert, sondern wurde zu einem Vortrag eingeladen. 1989 ist das ganze kommunistische System zusammengebrochen, im November. Und 1 Jahr später wurde ich nach Ohlmütz eingeladen zu einer Agrarenquete. Die gesamten ex-kommunistischen Kolchosen Verwalter und Landwirtschafter hatten keine Idee wie es weitergeht. Es war alles weg für die. Planwirtschaft, weg. Eigenständigkeit – die hatten alle Maschinen, aber wie geht’s weiter? Visionslosigkeit, Ideenlosigkeit und damit veranstalteten sie diese Enquete und ich wurde dazu eingeladen, wahrscheinlich weil ich der nächste oder einzige Biospinner in der Nähe der tschechischen Grenze war. Aber wurscht, ich bin hin und dachte ‚das schau ich mir an!’ und hab nichts anderes gemacht, als den nächsten Feldrain überschritten. Die Leut’ sagen halt Grenze dazu aber eine Grenze ist ja nicht da, dass man sie nicht überwindet, sondern dass man einfach drüber schaut. Also, ich bin immer offen und neugierig. 1990 habe ich den Schwager kennengelernt, 1991 meinen Partner, im Sommer und dann haben wir am 2. April 1992 – wir wollten keinen Aprilscherz machen, deshalb der 2. – in Brünn unsere Firma gegründet. Nix hat uns das gekostet, umgerechnet 2.200 Euro für Gründung, Vertragserrichtung, Eintrag ins Handelsregister und Grundkapitaleinlage – an Schas! Und trotzdem sind in Tschechien 85 Arbeitsplätze entstanden und wenn wir das nicht hätten – die ganze Firmengründung in Tschechien – würde hier sicher 30%-40% Personen nicht sein, wie wir sie jetzt beschäftigen. Kooperationen im internationalen Bereich sind immer ein Segen und fällt auf die „Mutter“ zurück. Wie eine Familie. Wenn die Familie funktioniert und die Mutter schaut auf ihre Familie, dann wir die Familie immer funktionieren. Wenn sich die Eltern nicht um die Familie kümmern, werden’s wild und deppert. Und aus wilde und depperte Hund ist noch nix g’scheites geworden, die muss man einfach erziehen und die muss man an der Hand nehmen.

Judith: Und was passiert in Tschechien eigentlich, Produktion?
Ja wir haben in Tschechien unseren Zweitstandort für Produktion, das heißt in Tschechien haben wir uns 1997 die Teebeutel abzufüllen, weil wir in Österreich weder eine Firma noch sonst etwas gehabt haben, die eine Teebeutelmaschine hätte machen können. Wir hätten eine italienische Maschine kaufen können, die war dreimal so teuer wie eine tschechische. Und wir haben in Tschechien einen Maschinenhersteller gefunden, der die Beutelmaschine für uns baut: he, super, dann machen wir die Teebeutelproduktion in Tschechien. Also wir bringen die Waren aus Österreich nach Tschechien, verpacken sie dort und nehmen sie wieder zurück. Gleichzeitig ist Tschechien unser Brückenkopf für Polen, baltischen Staaten, Ungarn, für die ganzen osteuropäischen Staaten. Deshalb ist Tschechien... ich kann’s gar nicht beschreiben... wird uns noch ganz lange Jahre Wachstum bescheren.

Und mit Tschechischen Bauern wird auch kooperiert?
Wie bei uns.

Vertieft im Interview mit Mr. Sonnentor © Judith Mehofer


Die Grenze ist nicht gesehen worden.
Die Grenze ist nur ein Strich im Hirn. Nicht mehr! Also mit der EU zusätzlich – ein Segen. Wenn man sich auch vergegenwärtigt wie sich das Land, die Städte, die Menschen entwickelt haben: toll, ich bin begeistert. Der EU-Beitritt von Tschechien ist eine riesengroße Möglichkeit für Österreich, für österreichische Unternehmen. Nur, wie viele von uns sprechen Tschechisch?

(Schulter zucken)

Ich nicht.
I a ned. Ihr werdet staunen, ich hab es nicht geschafft in diesen 22 Jahren tschechisch zu lernen. Okay, ich verhungere nicht. Ich kann eine Suppe und ein Bier bestellen, und ich kann zahlen schreien. Alles was man so braucht. Ich kann natürlich auch auf Tschechisch fluchen, wie immer das erste was man lernt. Aber sonst, kann ich nichts. Ich habe tolle Mitarbeiter, das Unternehmen basiert auf der gleichen Vertrauenssituation wie bei uns im Waldviertel und damit weiß ich, was die dort drüben machen ist hervorragend. Ich bin vielleicht jedes Monat oder jedes 2. Monat in Tschechien, um Hallo zu sagen, um zu motivieren und um den Erfolg gemeinsam zu feiern. Super!

Judith: Kann man die Firma in Tschechien auch besichtigen?
Ist genauso offen wie hier. Wir haben die Firma genauso aufgebaut wie hier, ein bisschen kleiner, aber wir sind überglücklich mit diesem Standort. Auch dort ein Dorf, wo ich eine alte, zusammengefallene Mühle gekauft habe, dann einen abgebrannten Kuhstall – auch in Tschechien sind wir auf Ruinen gebaut. In anderen Ländern sind wir etwas vorsichtiger. In Rumänien haben wir vor 7 Jahren eine Firma gegründet und in Albanien vor 5 Jahren. Aber auch immer mit Partnern, wie in Tschechien. Rumänien ist momentan zu unsicher, ich liebe Rumänien, aber dort zu investieren bedarf einer ganz anderen Rechtssicherheit, trotz EU-Beitritt.

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