wanderlust = n, [won-der-luhst], a strong innate desire to rove or travel about

02.08.2014

Kaffeehaus-Gespräche IV

Mit einem Camper durch Amerika

Irmie Vesselsky träumt


Wie stellt man sich jemanden vor, der in die Sparte Singer/Songwriter fällt? Ich habe gegoogelt. Das heißt, ich wusste vorher ungefähr wie Irmie Vesselsky aussieht. Sympathisch, dachte ich mir. Glücklicherweise wurde ich in meiner Annahme bestätigt, als sie auf die Terrasse des Stadtcafé Ulrich kam und mir dankenswerterweise meine Fragen beantwortete, die von Touren in den USA, CD-Verkäufen und dem klappbaren Klavier handelten...

diekremserin: Ich dachte, ich beginne heute mit einer etwas unkonventionelleren Frage: welches Lied hast du zuletzt gehört? Was hast du für eine Melodie im Ohr?

Irmie: (lacht) Was ich bewusst wieder einmal aufgelegt habe, war der Soundtrack von "Das Piano", das hat so zu dem Regenwetter gepasst. Aber das war natürlich nicht der letzte Song, den ich gehörte habe... Gerade jetzt im Radio, wo meiner Meinung nach sehr viel Blödsinn gespielt wird, muss es wohl "Jessie" gewesen sein... Vielleicht bleiben wir doch bei "Das Piano"?!

Verbindest du etwas mit dem Film oder mit der Filmmusik?

Beides. Ich hab den Film das erste Mal sehr, sehr jung gesehen und vielleicht gar nicht so gut verstanden, aber er hat meine Liebe zum Klavier gefestigt. Der Film und die Musik sowieso haben mich sehr inspiriert. "Das Piano" habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. In meiner Jugendzeit passte es zur Melancholie, dann ist das Album jahrelang in meinem alten Zimmer in meiner CD-Sammlung gewesen. Gestern hat's einfach gepasst und ich bemerkte wie schön diese Musik ist...

Wie bist du ganz banal zum Klavierunterricht gekommen? Oder ist der Wunsch Musikerin und Sängerin zu werden immer schon in dir geschlummert? 

Ich hätte mir nie zugetraut wirklich beruflich Sängerin zu werden. Aber schon als Kind lernte ich Blockflöte, danach war klar, dass ich Klavier lernen wollte. Meine Eltern haben das nicht wirklich ernst genommen - aufgrund der teuren Anschaffung bekam ich ein Keyboard. Auf dem habe ich dann sehr viel geklimpert und experimentiert, sodass ich ab ca. 13 Jahren tatsächlich Unterricht bekommen habe. Zum Glück stand meine Klavierlehrerin hinter mir und hat mehr oder weniger verkündet, dass ich ein g'scheites Klavier brauche. Sie gab den Ausschlag dazu, dass ich den Weg einschlug - bei meinen Eltern hat dieses Anerkennen, dass ich Musikerin bin, noch etwas länger gedauert...
Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter öfter ins Klavierzimmer gekommen ist, wo ich geübt und getüftelt habe, und gemeint hat: Geh doch raus, spiel mit Freunden,... So wie Kinder heutzutage vor dem Computer sitzen, saß ich stundenlang vorm Klavier. Viele dieser Erinnerungen sind mir gar nicht mehr so bewusst, aber erst am Wochenende, als meine Schwester zu Besuch war, meinte sie, dass das ganze Haus gebebt hat, als ich Klavier gespielt habe.
Frag mich nicht wie ich auf das Klavier gekommen bin,... es war einfach da!

Die Liebe zur klassischen Klaviermusik kam erst als ich aufhörte Klavierunterricht zu nehmen. 


Du hast also Klavierunterricht genommen - wie kam es dazu, dass du 2008 ein Album aufgenommen hast? 

© Irmie Vesselsky
2008 war eine wirkliche Entscheidung. Ich habe begonnen mit 15, 16 Jahren Songs zu schreiben und sehr wohl vor einem imaginären Publikum gespielt. Der Gedanke war schon da. Unglaublich, wo wir überall waren, mein Klavier und ich. wir haben die Bühnen der Welt bespielt. Aber es durfte nie jemand zu hören. Wenn ich gestört worden bin - ich habe mit meiner dauernden Spielerei genervt - dauerte es 3-4 Tage bis ich wieder hinein gegangen bin, ins Klavierzimmer. Ich fühlte mich ertappt beim Klavierspielen...obwohl mich während ich spielte ja auch das ganze Haus hörte. Vorspielen habe ich gehasst bei Konzerten in der Schule, auch beim Klavierunterricht; ein komisch-gespaltenes Verhältnis zum Performer. Aber nach und nach kam der Drang gehört zu werden. Mit 18 wurde ich dann ganz unverfänglich von einem Kremser Lokalbesitzer angesprochen, ob ich nicht in seiner Bar singen würde. Als Folge bin ich sehr lange nicht mehr in diese Bar gegangen, da ich nicht wollte, dass er mich darauf anspricht. Und 2002, beim Hochwasser, veranstaltete er ein Benefiz-Star-Night-Club und er meinte ich soll dort singen mit einer anderen, die schon Bühnenerfahrung hatte. Wir wurden also gegründet... Erst war ich Pianistin und zweite Stimme, aber dann kamen immer mehr Leute, wie Wolfgang Kühn auf mich zu, dass ich doch meine eigenen Songs spielen sollte und so erklärt sich der Schritt zum eigenen Album 2008, obwohl ich als Sozialpädagogin tätig war. Ich fühlte, dass Zeit war etwas anderes zu machen und auf mich zu schauen. Ins Studio habe ich mich mit letzter Kraft hingeschleppt, aber dort mobilisierte ich Kräfte, die ich von mir nicht kannte: zwischen Genie und Wahnsinn. Von 16 Songs schafften es dann 12 aufs Album.

Aus letzter Kraft...?

Ja ich habe das erste Mal auf mich selbst gehört und mich selbst gefunden. Ich hab auf mich selbst vertraut. Woher dieser Mut kam, weiß ich nicht, aber es blieb mir nichts anderes übrig.

Dir scheint es gut damit zu gehen. 

Ja, es ist aber harte Arbeit. Manchmal wünsche ich mir schon so einen normalen Lebensverlauf herbei: in der Früh ins Büro und abends nicht mehr daran denken. Nicht ständig sich selbst vermarkten, aber es ist schon ok so.

Du schreibst ja die Melodien als auch die Texte selbst - wie startest du? 

Das ist ganz unterschiedlich bei mir. Beim ersten Song hatte ich als erstes den Text und dann die Musik. Beim zweiten hatte ich die Musik und der Text kam auf der Bühne. Während eines Konzerts als das Publikum nach dem 1. eigens geschriebenen Song "Unheard" einen zweiten wollten. Ich wollte nicht zugeben, dass ich den zweite noch gar nicht fertig hatte... die Musik war ja da, also das Intro von "Breathing", und ich wusste was passiert in dem Song, aber der Text fehlte. Ich begann einfach zu spielen und zu singen. Vielleicht ist das Lied deshalb etwas holprig oder das Strophe-Refrain-Schema fehlt, aber darauf pfeif ich eh meistens. Der Text ist passiert und hat sich seitdem nicht mehr verändert.
Allgemein glaube ich, dass es mir leichter fällt wenn der Text da ist. Beim ersten Album habe ich viel mit Wolfgang Kühn, Unabhängiges Literaturhaus NÖ, zusammengearbeitet, der mir immer noch Texte und Gedichte von seinen Reisen schreibt. Da lese ich was und -zack- das geht sehr schnell, das die richtige Melodie kommt.

Du bist mit deinem Klavier also schon sehr viel vor imaginäres Publikum gereist - wohin würdest du reisen, mit einem Ticket das du überall hin einlösen könntest? 

Nachdem ich den Film von Sweet Sweet Moon gesehen habe, würde ich fast sagen "Fuck the Atlantic Ocean" - also Argentinien zum Beispiel wäre schön. Ich würde es wahnsinnig gerne ausprobieren in Amerika. Mich interessiert was sie über meine Sprache denken dort. Aber ich habe mich noch nicht darüber getraut mit Klavier. Erstens ist's nicht besonders günstig, und zweitens leide ich unter Flugangst. Amerika ist ein Ziel von mir. Da stehe ich mir leider selbst im Weg. Vor ein paar Jahren lernte ich amerikanische Musiker am donaufestival kennen, die mich seitdem jedes Jahr fragen, wann ich denn endlich nach Amerika komme und spiele.

Das heißt du würdest wenn dann mit deinem Flügel auf Reisen gehen? 

(lacht) Wenn ein Bösendorfer vor Ort ist, dann nehme ich meinen nicht mit. Nein, ernsthaft, es kommt darauf an, aber wäre von Vorteil, wenn mir ein Klavier garantiert wäre. Cool, wäre ein Tourbus. Warum tun wir das nicht? Zum Beispiel im Winter nach Kalifornien.

© Irmie Vesselsky

Wie sieht's mit der Konkurrenz in der Musikbranche aus? Es wird ja doch immer wieder vom Kampf untereinander gesprochen... 

Großes Gift sind Neid und Missgunst. Da scheitern bestimmt auch viele Projekte daran, da man sich nicht mit anderen freuen kann. Man findet sofort etwas was nicht passt, und bewertet sehr, sehr kritisch. Allein schon das Wort Kampf ist ja schon aussagekräftig. Bei uns geht's ganz stark ums Werten und Bewerten. Diese Kraft, die wir gegeneinander anwenden, sollten wir doch eher ins Positive wenden. In erster Linie mache ich Musik für mich, aber manchmal tut's natürlich weh, nicht gespielt zu werden.

Was wünscht du dir für diese Gegend hier, in Krems und rundherum? 

Ich wünsch mir, dass die Leute weniger missmutig sind - also das wünsche ich den Leuten generell, nicht mir. Sie sollen offener gegenüber Veränderungen werden und Mut kriegen, rauszugehen und Dinge zu tun, die Spaß machen und anders sind.

Die letzte Frage ist wieder eine Gedankenspiel-Frage: Hättest du nur einen kleinen Koffer, in dem du deine wichtigsten Dinge einpacken könntest, welche wären es?

Geht ein Klavier rein? Zumindest ein iPad mit 5 Tasten hätte Platz... Stift, Papier und meine Katze... ja, ich bleib bei diesen Dingen.










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